Wer durch die Hamburger Altstadt geht, läuft buchstäblich über den Ursprung der Stadt. Unter dem Domplatz lagen einmal die Wälle der Hammaburg, ein paar hundert Meter weiter fraßen sich 1842 die Flammen des Großen Brandes durch ganze Straßenzüge, und am Wasser stapeln sich bis heute die Backsteinspeicher der Speicherstadt, dem größten zusammenhängenden Lagerhauskomplex der Welt.
Hamburg-Mitte ist der Bezirk, in dem die Hansestadt angefangen hat. Hier liegen Altstadt und Neustadt, der Hafen, St. Pauli und St. Georg, dazu die Elbinseln bis nach Wilhelmsburg. Diese Chronik führt von der karolingischen Burg des 9. Jahrhunderts bis zur HafenCity und dem neuen Stadtteil Grasbrook.
- Die Hammaburg: Wo Hamburg anfing
- 1189: Der Barbarossafreibrief und die Geburt des Hafens
- Hansestadt: Aufstieg am Wasser
- 1842: Der Große Brand
- 1888: Freihafen und Speicherstadt
- 1892: Die Cholera-Epidemie
- 1937: Das Groß-Hamburg-Gesetz
- 1943: Operation Gomorrha
- 1949: Der Bezirk Hamburg-Mitte entsteht
- Ab 2008: HafenCity und Elbphilharmonie
- Ausblick: Sprung über die Elbe
- Quellen
Die Hammaburg: Wo Hamburg anfing
Die Geschichte Hamburgs beginnt auf einem Geestrücken zwischen Alster und Bille, dort, wo heute der Domplatz in der Altstadt liegt. Im frühen 9. Jahrhundert entstand an dieser Stelle die Hammaburg, eine Befestigung, die der Stadt ihren Namen gab. Lange galt das Jahr 808 als symbolische Gründungsmarke unter Karl dem Großen, die archäologische Forschung datiert die ältesten Wallanlagen aber genauer ins 9. Jahrhundert.1
831 wurde Hamburg Sitz eines Bistums, wenig später Erzbistum, und damit zum Ausgangspunkt der Mission im Norden. 845 brannten dänische Wikinger die Siedlung nieder, ein Muster, das sich in den folgenden Jahrhunderten wiederholte. Bei Grabungen am Domplatz Anfang der 2000er Jahre fanden Archäologen schließlich die Reste der Burganlage und konnten den lange diskutierten Ort der Hammaburg eindeutig in der heutigen Altstadt verorten.2
1189: Der Barbarossafreibrief und die Geburt des Hafens
Auf den 7. Mai 1189 ist der sogenannte Barbarossafreibrief datiert, eines der wichtigsten Stücke im Hamburger Staatsarchiv. Die Urkunde gewährt der jungen Stadt am Wasser weitreichende Handels- und Stadtrechte, darunter Zollfreiheit auf der Elbe bis zur Nordsee, Fischereirechte und ein Burgbauverbot im Umkreis.3
Eine berühmte Fälschung
Der erhaltene Freibrief ist vermutlich eine inhaltliche Fälschung aus dem 13. Jahrhundert, entstanden um 1265, lange nach dem Tod Kaiser Friedrichs I. Barbarossa. Das hat den 7. Mai 1189 nicht entwertet: Bis heute feiert Hamburg an diesem Datum den Hafengeburtstag, das größte Hafenfest der Welt.
Hansestadt: Aufstieg am Wasser
Die wirtschaftliche Zukunft Hamburgs lag im Handel und im Wasser. Die Lage an Elbe und Alster machte die Stadt zum Brückenkopf zwischen Nord- und Ostsee. Über den Stecknitzkanal, einen der ältesten künstlichen Wasserwege Europas, wurde ab dem 14. Jahrhundert Lüneburger Salz nach Lübeck transportiert, eine Handelsachse, die beide Städte reich machte.4
Spätestens 1321 trat Hamburg der Hanse bei und wurde zu einem ihrer bedeutendsten Mitglieder. Während Lübeck als Königin der Hanse galt, entwickelte sich Hamburg zum großen Umschlagplatz für den Westhandel. Aus dieser Zeit stammt das Selbstverständnis als Freie und Hansestadt, das die Stadt bis heute im Namen trägt. Wer mehr über die einzelnen Quartiere wissen will, findet einen Überblick in unserer Übersicht der Stadtteile in Hamburg-Mitte.
1410 erzwangen die Bürger mit dem ersten Rezess erste Mitspracherechte gegenüber dem Rat, ein früher Schritt zur bürgerlichen Verfassung. 1558 wurde die Hamburger Börse gegründet, eine der ältesten Deutschlands. Die Reformation hatte sich ab 1529 mit der Kirchenordnung des Johannes Bugenhagen durchgesetzt und prägte das Stadtbild der fünf Hauptkirchen.
1842: Der Große Brand
In der Nacht zum 5. Mai 1842 brach gegen ein Uhr in einem Haus in der Deichstraße ein Feuer aus. Drei Tage lang fraß sich der Brand durch die engen Gassen der Altstadt. Als er am 8. Mai gelöscht war, lag rund ein Viertel der Innenstadt in Asche.5
Die Bilanz war verheerend. Etwa 1.100 Wohnhäuser, 102 Speicher, sieben Kirchen, darunter die Nikolaikirche und die Petrikirche, sowie das alte Rathaus wurden zerstört. 51 Menschen starben, rund 20.000 verloren ihren gesamten Besitz, etwa ein Fünftel der damaligen Bevölkerung war obdachlos.6
Der Wiederaufbau wurde zur Chance für eine moderne Stadt. Der englische Ingenieur William Lindley plante eine der ersten modernen Kanalisationen Europas, die nach und nach die ganze Stadt erfasste. Architekten wie Alexis de Chateauneuf und Gottfried Semper prägten das neue, großzügigere Stadtbild. Aus der Katastrophe ging die Innenstadt hervor, deren Grundriss du in vielen Sehenswürdigkeiten in Hamburg-Mitte bis heute ablesen kannst.
1888: Freihafen und Speicherstadt
1881 trat Hamburg dem Deutschen Zollverein bei, am 15. Oktober 1888 wurde der Zollanschluss an das Deutsche Reich rechtswirksam. Damit verlor die Stadt ihre alte Zollfreiheit, erhielt aber das Recht auf einen Freihafen, in dem Waren weiterhin zollfrei gelagert und verarbeitet werden durften.7
Für diesen Freihafen entstand ab 1883 auf den Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm die Speicherstadt. Tausende Bewohner mussten den Lagerhäusern weichen. In mehreren Bauphasen wuchs bis 1923 der größte zusammenhängende Lagerhauskomplex der Welt heran, errichtet auf Tausenden Eichenpfählen.8
Der größte zusammenhängende Lagerhauskomplex der Welt, gebaut auf Eichenpfählen mitten im Wasser.
Seit Juli 2015 ist die Speicherstadt gemeinsam mit dem benachbarten Kontorhausviertel und dem Chilehaus als UNESCO-Welterbe anerkannt. Bis heute prägt der parallel ausgebaute Hamburger Hafen den ganzen Bezirk, von den Landungsbrücken über St. Pauli bis zu den Werften auf Steinwerder.
1892: Die Cholera-Epidemie
Im Sommer 1892 traf Hamburg eine Katastrophe ganz anderer Art. Über das ungefiltert aus der Elbe entnommene Trinkwasser verbreitete sich die Cholera in den dicht bebauten Gängevierteln der Altstadt und Neustadt. Innerhalb weniger Wochen starben rund 8.600 Menschen, manche Schätzungen liegen höher.9
Die Epidemie machte die hygienischen Missstände in den überfüllten Quartieren sichtbar. In der Folge wurde eine zentrale Filtrierung des Trinkwassers eingeführt, und die berüchtigten Gängeviertel wurden in den folgenden Jahrzehnten Stück für Stück abgerissen. Die Cholera von 1892 gilt als letzte große Epidemie dieser Art in Westeuropa und als Wendepunkt der städtischen Gesundheitspolitik.
1937: Das Groß-Hamburg-Gesetz
Lange war Hamburg territorial eng begrenzt. Das änderte sich grundlegend mit dem Groß-Hamburg-Gesetz, das zum 1. April 1937 in Kraft trat. Preußische Städte wie Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg wurden eingemeindet, im Gegenzug gab Hamburg einige Gebiete ab.10
Für das Gebiet des späteren Bezirks Mitte war das folgenreich. Billstedt und der Süden Finkenwerders kamen erst durch dieses Gesetz zu Hamburg. Wilhelmsburg, zuvor zu Preußen gehörig, wurde Teil der Stadt, blieb verwaltungstechnisch aber zunächst dem späteren Bezirk Harburg zugeordnet. Erst 2008 wechselte die Elbinsel zu Hamburg-Mitte.
1943: Operation Gomorrha
Vom 24. Juli bis zum 3. August 1943 flogen britische und amerikanische Luftstreitkräfte die schwersten Angriffe des Zweiten Weltkriegs auf Hamburg. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli entfachten die Bomben über den dicht bebauten Arbeitervierteln Hammerbrook, Rothenburgsort, Hamm und Borgfelde einen Feuersturm mit Temperaturen von weit über 800 Grad.11
Rund 34.000 Menschen kamen ums Leben, ganze Stadtteile im heutigen Hamburg-Mitte wurden ausgelöscht. Etwa 900.000 Bewohner flohen oder wurden evakuiert. Die Zahl der Toten und das Ausmaß der Zerstörung gehören zu den höchsten, die eine deutsche Stadt im Luftkrieg erlitt.12
Verlorene Quartiere
Stadtteile wie Hammerbrook waren vor dem Krieg dichte Wohn- und Gewerbeviertel. Nach 1943 wurden sie überwiegend als Gewerbegebiete wieder aufgebaut. Wie sehr sich die Bevölkerung des Bezirks seither verändert hat, zeigt unser Überblick zu den Einwohnern in Hamburg-Mitte.
1949: Der Bezirk Hamburg-Mitte entsteht
Der Bezirk Hamburg-Mitte ist nicht historisch gewachsen, sondern eine Verwaltungseinheit. Er wurde gemeinsam mit den sechs anderen Hamburger Bezirken durch das Bezirksverwaltungsgesetz vom 21. September 1949 geschaffen, um die Verwaltung bürgernäher zu organisieren.13
Hamburg-Mitte bündelt seitdem das historische Herz der Stadt: Altstadt und Neustadt mit Rathaus und Binnenalster, dazu St. Georg und St. Pauli, den Hafen und die südlich der Elbe gelegenen Inseln. Im Lauf der Jahrzehnte kamen weitere Stadtteile hinzu, zuletzt 2008 die Elbinsel Wilhelmsburg und die neue HafenCity. Heute besteht der Bezirk aus 19 Stadtteilen und ist mit rund 142 Quadratkilometern flächenmäßig der größte Hamburgs.14
Trotz der Verwaltungsgrenze blieb Hamburg-Mitte ein Bezirk der Gegensätze: hier die teuren Wohnlagen an der Alster und in der HafenCity, dort dicht bewohnte, sozial herausgeforderte Quartiere wie Veddel oder Teile von Wilhelmsburg. Wie sich das auf Mieten und Lebenskosten auswirkt, liest du im Mietspiegel für Hamburg-Mitte.
Ab 2008: HafenCity und Elbphilharmonie
Am 20. August 1997 beschloss die Hamburgische Bürgerschaft, auf dem Großen Grasbrook am Rand des Hafens ein völlig neues Stadtquartier zu errichten. Aus alten Hafen- und Industrieflächen sollte ein Stück Innenstadt am Wasser werden. Auf rund 2,4 Quadratkilometern vergrößert die HafenCity die Hamburger City um etwa 40 Prozent.15
Zum 1. März 2008 wurde die HafenCity gemeinsam mit der Speicherstadt offiziell ein eigener Stadtteil im Bezirk Mitte. Zum Wahrzeichen des neuen Quartiers wurde die Elbphilharmonie, errichtet auf dem Sockel eines alten Kaispeichers. Nach langer und teurer Bauzeit wurde das Konzerthaus am 11. Januar 2017 feierlich eröffnet und ist seither eines der bekanntesten Gebäude Deutschlands.16
Die HafenCity gilt als eines der größten innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekte Europas. Bis etwa 2030 sollen dort Wohnungen für mehrere Tausend Menschen sowie Zehntausende Arbeitsplätze entstehen. Mehr zur heutigen Statistik des Bezirks findest du in der Hamburg-Mitte Statistik.
Ausblick: Sprung über die Elbe
Die kommenden Jahre könnten Hamburg-Mitte stärker verändern als jedes Jahrzehnt seit dem Wiederaufbau. Im Zentrum steht der lange propagierte Sprung über die Elbe, die Entwicklung der südlichen Elbinseln zu vollwertigen Teilen der Innenstadt.
Auf der bisher industriell genutzten Halbinsel Grasbrook, zwischen HafenCity und Veddel, entsteht ein komplett neuer Stadtteil. Geplant sind rund 3.000 frei finanzierte und geförderte Wohnungen sowie Flächen für etwa 16.000 Arbeitsplätze. Der Grasbrook soll eng mit den Nachbarn Veddel, Rothenburgsort und Wilhelmsburg verzahnt werden, um die historische Trennung von Nord und Süd zu überwinden.17
Parallel wächst die HafenCity in ihre Endphase, und Wilhelmsburg entwickelt sich seit der Internationalen Bauausstellung 2013 weiter. Diskutiert werden außerdem der Ausbau des Nahverkehrs über die Elbe und der weitere Umgang mit den großen Hafen- und Gewerbeflächen im Süden des Bezirks.
Was sich nicht ändert, ist die Lage am Wasser. Elbe und Alster, einst Gründungsgrund der Hammaburg, bleiben der Anker für die nächsten Kapitel von Hamburg-Mitte.